Sonntag, 27. März 2011

VOM SENTIMENT GETRIEBEN

Letzte Woche habe ich Euch 'Repatriation Trades' erklärt - einen Begriff, den wohl viele Menschen, auch Händler, vor vier Wochen nicht wirklich gekannt hatten. Heute, ein Sonntag später, scheint dieser Begriff vergessen zu sein. Anders kann man sich wohl nicht erklären, dass der Yen zu sinken begonnen hat. Die atomare Krise und seine Auswirkungen auf Japan und die Welt sind noch nicht einmal überschaubar; ein eventueller Wiederaufbau in Japan wird weitaus mehr Geld kosten als in 2 Wochen aus Fremdwährungen in Yen gewechselt werden konnte. Trotzdem hat der Yen zumindest am Freitag nachzugeben begonnen.

Ich möchte mich in diesem Blog nicht lustig machen über die Erklärungen von Wissenschaftlern und Wirtschaftsjournalisten, die hoch spekulative Hedgefondaktionen versuchen durch realwirtschaftliche Erklärungen 'besser zu reden'. Die Wirklichkeit in unserem Geschäft sind vom 'Sentiment getriebene Marktbewegungen'.

Jede andere Erklärung für die Preisänderungen der letzten Woche sind unglaubwürdig. So wird die Kreditkrise in Europa immer ernster und die portugiesische Regierung tritt zurück - gleichzeitig startet der Euro eine Rally in den Preishöchstbereich der letzten 2 Jahre. Vor einem Jahr ist der Euro unter den selben Gegebenheiten unter 1,20 gegenüber dem Dollar gesunken.

Wie will ein Volkswirtschaftsprofessor an der Universität seinen Studenten die Logik solcher Bewegungen erklären. Ich lehne mich nicht weit hinaus, wenn ich feststelle, 'das geht einfach nicht'. Die Erklärung gab es natürlich. Europas Regierungen hatten den neuen Euroschutzschirm beschlossen und das gab unserer Leitwährung seine Stärke, gepaart mit der Drohung unseres Zentralbankpräsidenten, Trichet, dass Zinsen demnächst steigen würden. Ja, Sie haben alle richtig gelesen: ich habe tatsächlich das Wort 'Drohung' verwendet. Wenn die Zentralbank im April wirklich zur Tat schreitet und die Zinsen signifikant (das wäre ein voller Punkt) heben würde, dann müsste ich nämlich die Zentralbankpolitik ernsthaft in Frage stellen. Jede Anhebung der Eurozinsen bedeutet wahrscheinlich den Todesstoss für Griechenland, vielleicht auch für Portugal, Irland und warum nicht auch für Spanien. Vielleicht versucht man nur sein Gesicht zu bewahren und hebt die Zinsen um 0,25 Prozent und beginnt gleichzeitig den Bondmarkt durch Käufe zu stützen.

Man ist als Trader im Moment den Geschehnissen auf der Welt aber auch der Willkür einiger weniger Entscheidungsträger ausgesetzt, die nicht wissen, wie sie mit der immer größer werdenden Kreditkrise umgehen sollen. Gestern noch habe ich bei einem Abendessen gesagt: 'Welche Regierung wäre vor 5 Jahre bereit gewesen, hunderte Milliarden Euros in die Rettung eines Wirtschaftsbereiches - der Banken - zu stecken. In den letzten Jahren war man aber nicht nur dazu bereit, sondern man war auch bereit weitere 'Zig' Milliarden für die Rettung von Staaten bereitzustellen.

Wozu man aber nicht bereit war, 'in die Rettung des Volkes, dese Mitbürgers Geld zu investieren. Das Durchschnittseinkommen ist noch immer auf niedrigstem Niveau. Die Arbeitslosigkeit ist gestiegen, im besten Fall konstant gehalten worden. Die Perspektiven sind keineswegs rosig.

Wo steuern wir also hin? Ich meine, es wird schwer werden, unser Wirtschaftssystem am Leben zu halten. Die Experten waren bisher clever genug, die Balance zu halten. Ob das in den nächsten Monaten und Jahren weiterhin gelingen wird, ist zu hinterfragen. 250,000 Demonstranten in England gestern, Millionen von unterdrücken Nordafrikanern sind nicht mehr bereit, den Status Quo hinzunehmen. Wir steuern wahrscheinlich auf eine Art Revolution hin - ein Angriff auf die bestehenden Systeme und Prozesse.

Zu diesem Schluss sind jedenfalls vorige Woche viele Investoren gekommen und haben Gold auf ein neues All-time-Hoch getrieben. Silber hat gleich eine 2 Dollar Hürde nach oben genommen und erst $38,18 hat den Höhenflug gestoppt.

Heute - Sonntag - Früh mussten die Arbeiten in Fukushima eingestellt werden: Der Supergau scheint nur mehr eine Frage der Zeit zu sein. Wie die Märkte diese Wochenendnachricht aufnehmen werden, kann ich einfach nicht voraussagen, da dieser Markt vom Sentiment, das die Mehrheit der Händler empfinden, getrieben sein wird.

Als hauptsächlich 'contrarian' Trader besteht für mich die Möglichkeit, dass es zu einer zumindest vorläufig limitierten Trendwende kommen wird. In jedem Fall erscheint mir der Dollar ein guter Kandidat für eine solche Wende. Die Aktienmärkte könnten im Licht der immer wahrscheinlicheren Totalkatastrophe ebenfalls einbrechen. Die Commoditiesmärkte bleiben noch übrig in meinen Überlegungen. Noch habe ich kein klares Bild. Edelmetalle sind und bleiben in jedem Szenario von Wert. Die allgemein triste Situation und ein Anstieg des Dollars könnten aber auch die Preise dieser Produkte signifikant zum Einbruch bringen.

Höchste Vorsicht ist geboten! Verfolgt auch diese Woche unsere 'live'-News Alerts und Ihr bleibt am Puls des Geschehens.

Euer Gerhard Pilz

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