Liebe Leser!
Die vergangene Handelswoche hat bei mir bleibende Eindrücke hinterlassen. Eine Woche der Superlativen! Vor drei Wochen habe ich begonnen über die Möglichkeit von Kurskorrekturen zu schreiben. Mit 24 Jahren Handelserfahrung glaube ich doch, einige spektakuläre Erlebnisse hinter mich gebracht zu haben. Aber diese Woche hat mich gelehrt, dass es immer wieder Neues zu lernen gibt.
Bringen wir es auf den Punkt. Silber ist 4 Dollars gestiegen und hat die Woche am Hoechstpreis abgeschlossen. Gold handelt über 1500 Dollars. Der Euro nähert sich seinem All-time-High. Der Aussie und Swissie handeln gegenüber dem Dollar im All-time-High Bereich. Öl hat den öffentlich zelebrierten 'Ausstieg aus Commodities', wie Goldmann Sachs dies medienwirksam kundgetan hat, gut überstanden und handelt wieder über 110 Dollars. Kaffee hat 3 Dollars erreicht. Der US Aktienmarkt schliesst auf höchstem 2011 Niveau.
Das sind nur einige der Highlights der vergangenen Woche. Selbst einer meiner konservativsten Investorfreunde hat sich am Donnerstag entschlossen, seine Silberbestände zu reduzieren, da ihm das Preisniveau etwas unrealistisch erschienen ist. Er musste gestern Abend feststellen, 'auch mein Verkauf konnte das Marktverhalten nicht verändern'.
Wir beginnen also in einer Welt zu leben, in der Investoren alles auf wenige Karten setzen und zwar auf die Karten, die Ihnen relative Sicherheit verheissen.
Die treibende Kraft hinter dieser Entwicklung ist wohl die extreme Dollarschwäche und der politische Unwillen in den USA, wirkliche Krisenbewältigung zu beginnen. Wir blicken auf ein volkswirtschaftliches Chaos, nicht nur in den USA, sondern in weiten Teilen Europas, im Nahen Osten, Afrika ..... .
Das ist die eine Seite.
Auf der anderen Seite erleben wir ungeahnte ökonomische Erfolge der führenden Aktiengesellschaften, die weltweit an den Börsen gehandelt werden. Diesen Firmen ist es in den letzten Jahrzehnten gelungen, die Globalisierung voll auszunutzen. Sie leben nicht mehr von einem Markt, sondern sie leben vom globalen Markt, sind daher nicht unbedingt abhängig von volkswirtschaftlichen Tiefs in einzelnen Wirtschaftszonen, sondern sie können sich auf die Märkte konzentrieren, die gerade expandieren.
Nehmen wir als Beispiel 'Audi'. Autopräsentationen werden heute nicht in Deutschland oder in den USA abgehalten, sondern in China. Nehmen wir Apple: Die Firma verkauft seine Produkte an zahlungskräftige Kunden in der ganzen Welt. Apple ist es egal, ob es in den USA und Europa 10% Arbeitslose gibt. Man braucht nur sagen wir 1% des möglichen Weltmarktes mit seinen Produkten zu erreichen, und die Firma macht Erlöse, für die viele Staaten dankbar wären.
So erklärt sich die Rally der Aktienmärkte. Im Gegensatz dazu erleben die einzelnen Volkswirtschaften keinen wirtschaftlichen Boom so wie es in früheren Jahren nach schweren ökonomischen Einbrüchen der Fall war. Obwohl es einen offensichtlichen Aufschwung weltweit gibt - vergleichen wir den Status Quo mit der Situation vor 2 Jahren -, ist es den hochentwickelten Staaten nicht gelungen, Ihre Arbeitslosenrate zu senken. Dies wäre aber unbedingt notwendig, um auf der Einkommensseite der Staatsbudgets den notwendigen Aufschwung zu erleben. So kämpft man auf Seiten der Finanzminister mit einem Sozialaufwand und mit einem Zinsaufwand für Schulden, die eigentlich - wenn von einem seriösen Wirtschaftsberater beurteilt - in den meisten Fällen nur den Schluss 'Staatsbankrott' zulassen würden.
Diese - nennen wir es einmal - Doppelgleisigkeit unseres globalisierten Wirtschaftssystems erinnert mich zunehmend an ein Erlebnis, welches ich in den späten 80iger Jahren hatte als ich nach Spanien geschickt worden war, um dort ein Hotel zu übernehmen. Man traf sich mit dem lokalen Steuerberater und ich wurde in das System der 'schwarzen und weissen Buchhaltung' eingeführt - eine institutionalisierte wirtschaftliche Doppelgleisigkeit.
Heute erleben wir die Doppelgleisigkeit des Geldes: Investoren, die ungeahnte Profite in ihren Investments realisieren und das Geld dort anlegen, wo ihnen das Risiko am geringsten erscheint. Arbeitnehmer, die von Firmen Minimaleinkommen lukrieren, damit diese ihren Investoren gleichzeitig maximale Renditen zukommen lassen können. Geld besteht also aus INVESTORKAPITAL und ÜBERLEBENSRATIONEN.
Im negativsten Fall ist dies die beste Formel, eine soziale Divergenz zu erzeugen, die in eine Explosion mündet. Oder werden es die kollabierenden Staaten sein, die die Grundbedürfnisse ihrer Bürger nicht mehr abdecken können, welche diese Doppelgleisigkeit zum Einsturz bringen wird?
Im Moment versucht sich Politik und Hochfinanz im Dialog aus dieser Krise, oder soll man besser sagen, aus diesen multiplen Krisen zu retten. Ob mit quantitative Easing, wie man das Fluten des Geldmarktes mit neuer Liquidität in den USA nennt, oder mit Milliardenschutzschirmen von Geld, welches nicht einmal im besten Fall vorhanden wäre, sollte es gebraucht werden, beruhigt man die Gefühlswelt der Öffentlichkeit.
Denn diese Gefühlswelt muss beruhigt sein, sonst könnte das Sentiment kippen und zu einer ungeahnten Kettenreaktion führen.
Befinden wir uns vielleicht bereits in der Endphase des Weltwirtschaftssystems wie wir es bisher gekannt haben?
Letzte Woche wurden jedenfalls massive Investitionen in Randprodukte wie Gold, Silber, den Aussie Dollar, den Swissie, etc. getätigt, mit dem Ziel Kapital vor Risikocrashes zu bewahren.
Man darf aber nicht vergessen - wir leben in einer globalisierten Welt. Alles hängt zusammen. Irgenwann wird auch diese Blase platzen, platzen müssen, denn Hedgefonds und Investoren müssen ihre Gewinne mitnehmen und können nicht warten, bis die Blase platzt, so wie dies immer wieder in den verschiedensten Märkten passiert ist.
Dann wird es lapidar in den Medien heissen - Investoren ziehen Geld aus den Edelmetallmärkten ab, um Verluste hier oder da abzudecken. Ob diese Preiskorrektur unmittelbar bevorsteht oder in Monaten kommen wird, weiss niemand. Aber seid Euch alle bewusst, egal welche fundamentalen Erklärungen es für alle Entwicklungen gibt, das Investorsentiment bleibt die stärkste Motivation und dieses Sentiment wird darüber entscheiden, was nächste Woche passieren wird.
FROHE OSTERN
Euer Gerhard
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